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Sehr geehrte Frau Dr. Wojak, sehr geehrte Damen und Herren,
herzlichen Dank für das freundliche Willkommen heute hier bei Ihnen in Bochum. Ich freue mich sehr, heute bei Ihnen zu sein und ganz besonders auch darüber, liebe Frau Dr. Wojak, liebes Team des Fritz Bauer Forums, dass diese Ausstellungseröffnung mir endlich die Gelegenheit gibt, das Fritz Bauer Forum zu erleben und näher kennenzulernen.
Denn es ist beachtlich, was Sie alle nach dem Umbau und schon während des Umbaus hier an Veranstaltungen, Workshops und Ausstellungen mit viel Engagement, Leidenschaft und Herzblut auf die Beine stellen, ganz im Sinne der Leitgedanken der dem Fritz Bauer Forum so sehr verbundenen BUXUS STIFTUNG, ich zitiere: „Wir feiern Vielfalt. Wir bekämpfen Nationalismus und Antisemitismus. Wir stärken Menschenrechte und Demokratie.“
Dafür möchte ich Ihnen herzlich danken und wünsche Ihnen und uns, dass Sie weiterhin so tatkräftig bleiben und wirkmächtige Ausstellungen wie die, deren Eröffnung wir heute gemeinsam erleben, nach Bochum holen. Es ist keine „einfache“ Ausstellung, kein einfaches Sujet, wie wir gerade schon in der Einführung von Frau Dr. Wojak gehört haben.
Dennoch ist sie wichtig, denn wir müssen, ganz im Sinne Fritz Bauers „Nach den Wurzeln des Bösen fragen“, wie er einen Vortrag an der Universität Frankfurt betitelte. Diese Ausstellung zeigt uns mit erschreckender Deutlichkeit, wie tief antisemitische Bilder und Vorstellungen im Alltäglichen verankert waren.
Die hier gezeigten Postkarten aus der Sammlung Haney sind keine harmlosen Kuriositäten aus vergangener Zeit wie dem wilhelminischen Kaiserreich. Nein, sie sind Spiegel einer Gesellschaft, die ihren Hass oft zwischen den Zeilen kommunizierte und weitergab oder ganz unverhohlen in Abbildungen,in sogenannten „Judenspottpostkarten“, wie der Sammler Wolfgang Haney sie in einem Interview mit der Bundeszentrale für politische Bildung einst selbst kategorisierte.
Im digitalen Zeitalter können wir uns kaum noch vorstellen, wie wirkmächtig solche Hetze mit dem heute schon fast etwas belächelten Medium der Postkarte war.
Aber: In einer Epoche ohne Internet, Radio, Fernsehen oder Smartphones war die Postkarte ein populäres, weitreichendes Kommunikationsmittel. Sie transportierte Nachrichten, Stimmungen, Humor – und, wie wir hier sehen, auch Vorurteile. Machte Stimmung und verbreitete Hass und judenfeindliche Hetze. Millionenfach verschickt, zeugen diese Karten davon, wie sich antisemitische Stereotype subtil, „spielerisch“ in den Alltag einschlichen. Einschleichen sollten. Was heute empört, war damals vielerorts akzeptiert. Galt als harmloser Spaß. Als Ulk. Heute unvorstellbar, dass jemand solche Postkarten verschickt.
Gerade diese damals vermeintliche Normalität macht die Karten so gefährlich – und historisch so wertvoll als Quelle, wie Wolfgang Haney erkannte. Denn diese Postkarten trugen mit ihren Bilder und Texten dazu bei, jahrhundertealte antisemitische Stereotype und Vorurteile zu verfestigten undin die Mitte der Gesellschaft weiterzutragen. Sie bereiteten damit den Boden für die NS-Ideologie und das Menschheitsverbrechen des Holocaust und die Verbrechen des NS-Terrorregimes mit millionenfachem Morden, Foltern und Entrechten.
Im vergangenen Jahr durfte ich Nordrhein-Westfalens Landtagspräsident André Kupfer auf seiner Reise nach Israel und in die palästinensischen Gebiete Ende Oktober begleiten. Bei einer Führung durch die Gedenkstätte Yad Vashem schilderte uns der Aachener Wissenschaftler und Historiker Dr. Marc Neugröschel sehr eindringlich den sogenannten „vicious circle“: Jahrhundertealte antisemitische Stereotype und Vorurteile, die bis heute fortwirken und Judenhass erzeugen, der sich in antisemitischen Vorfällen und Straftaten entäußert. Auch bei uns in Nordrhein-Westfalen.
Der Namensgeber dieses Forums, Fritz Bauer, hat einmal gesagt, ich zitiere: „Nichts gehört der Vergangenheit an; alles ist noch Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“ Leider muss ich Ihnen als Beauftragte des Landes für die Bekämpfung des Antisemitismus, für jüdisches Leben und Erinnerungskultur sagen: Antisemitismus zeigt sich zunehmend offener und hemmungsloser.
Öffentlich – sei es in Alltagssituationen, auf Demonstrationen, im Sport oder auch im Netz und in den Sozialen Medien.
Wir haben einen Anstieg und ein Ausmaß des Antisemitismus zu beklagen, den ich mir nicht hätte vorstellen können: Judenhass in all seinen Facetten. Häuser werden markiert, Menschen bedroht, beleidigt, mit Hass und Hetze überzogen, bis hin zu verbaler und körperlicher Gewalt. Es wird zum Boykott aufgerufen. Es wird eingeschüchtert. Israel wird das Existenzrecht abgestritten. Die Folge: Jüdinnen und Juden verleugnen ihre Identität, fühlen sich in der Schule, an Universitäten und in Kultureinrichtungen, bei Sportveranstaltungen und im Beruf nicht nur unerwünscht, sondern oft auch bedroht.
Und um Ihnen deutlich zu machen, wie dramatisch die Lage nach wie vor ist, möchte ich Ihnen einige Zahlen zur Lage in Nordrhein-Westfalen nennen. Bitte beachten Sie, es handelt sich um Zahlen aus 2024, weil die aktuellen Zahlen derzeit noch nicht veröffentlicht sind. Aus Gesprächen weiß ich, dass die Lage sich seither nicht entspannt hat, ganz im Gegenteil. Und dabei ist die Entwicklung 2024 schon alarmierend genug: Es gab – nach der polizeilichen Statistik – im Jahr 2024 in Nordrhein-Westfalen 695 antisemitische Straftaten. Ein Anstieg um 27 Prozent im Vergleich zum Jahr 2023.
Hinzu kommen antisemitische Vorfälle unterhalb der Strafbarkeitsgrenze. Darüber hinaus wird nicht jeder Vorfall, nicht jede Straftat, zur Anzeige gebracht. Aus den unterschiedlichsten Motiven. Um Antisemitismus wirksam bekämpfen zu können, brauchen wir ein umfassendes Lagebild, das nicht nur antisemitische Straftaten, sondern auchVorfälle unterhalb der Strafbarkeitsgrenze erfasst. Deshalb wurde die Meldestelle Antisemitismus, kurz RIAS (Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus), eingerichtet, die auch eine an der Universität Münster eingerichtete Meldestelle speziell für Vorfälle im universitären Bereich hat.
Für 2024 dokumentierte RIAS NRW 940 antisemitische Vorfälle in Nordrhein-Westfalen. Ein Anstieg um 42 Prozent im Vergleich zu 2023.
2024 war ebenfalls ein signifikanter Anstieg von antisemitischen Vorfällen an Hochschulen und Universitäten in Deutschland zu verzeichnen.
Wir sollten uns immer bewusst machen: Hinter jeder dieser nüchternen Zahlender Statistik steht ein Mensch, der durch Wort oder Tat verunglimpft oder seelisch und z. T. sogar körperlich verletzt wurde! Wie weit antisemitische Stereotype und Vorurteile in der Gesamtgesellschaft Nordrhein-Westfalens verbreitet sind, hat 2024 auch die von meiner Vorgängerin im diesem Ehrenamt gemeinsam mit Innenminister Reul initiierte „Dunkelfeldstudie“ in aller Deutlichkeit gezeigt:
Es muss uns alarmieren, dass jede zweite der befragten Personen einen „Schlussstrich“ unter das größte Menschheitsverbrechen, den Mord von 6 Millionen Jüdinnen und Juden, ziehen will! Antisemitismus heute hat viele Erscheinungsformen und ist in vielen menschenverachtenden Ideologien verankert. Es kann kein Zufall sein, dassviele von diesen Ideologien auch den deutschen Staat, unsere Demokratie und unsere Werte ablehnen. Gelegentlich wird in Presse und Funk eine Variante des Antisemitismus als besonders schlimm, als besonders aggressiv bezeichnet.
L assen Sie mich dazu klarstellen: Es gibt keinen Antisemitismus„wettbewerb“ – jede Form von Judenhass – egal welcher Couleur, egal welcher Herkunft ist gleich schlimm!
Umso notwendiger ist es, jeder antisemitischen Ideologie entgegenzutreten und sich Tag für Tag dafür einzusetzen, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland frei und sicher leben können. Für unsere Demokratie, für unsere Werte und für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt. Deutschland – das Land, das das Menschheitsverbrechen des Holocaust nie vergessen darf – steht in der Verantwortung, antisemitische Hetze, Hassparolen oder Verharmlosung historischer Schuld mit aller Entschiedenheit zu bekämpfen.
In einem Artikel über Wolfgang Haney heißt es, er betrachte seine Sammlung als seine Pflicht gegenüber den Opfern, aber auch an den Überlebenden des Holocausts, ein Tribut an alle, die verfolgt, entrechtet, entwürdigt und ermordet wurden. Er hat dazu im gleichem Artikel im Gespräch mit dem österreichischen Standard gesagt:
„Meine Familie ist zwölf Jahre lang verachtet, verfolgt und vernichtet worden, ich habe es als Überlebender als meine Pflicht empfunden, die neuen Generationen zu informieren.“
Denn er hatte – ebenso wie Fritz Bauer – früh erkannt: Das Wissen und die adäquate Benennung der Ursachen von Antisemitismus sind wesentliche Elemente im Kampf gegen Judenhass. Deshalb sind Ausstellungen wie „abgestempelt“ so wichtig: Um Antisemitismus wirksam bekämpfen zu können, bedarf es des Wissens um seine Wurzeln und seine historischen Hintergründe.
Dieses Wissen hilft uns. Damit wir uns gemeinsam jeder Erscheinungsform und jeder antisemitischen Ideologie konsequent entgegenstellen: In Wort und Tat. Für unser Gesellschaft, unsere Werte und unsere Demokratie. In der Schule, in der Nachbarschaft, bei der Arbeit, im Verein, in der Öffentlichkeit. Auch wenn es unbequem ist.
Zeigen wir Haltung: Dafür, dass die Geschichte sich nicht wiederholt und dafür, dass Jüdinnen und Juden wieder frei, sicher und ohne Angst in Deutschland leben können. Lassen Sie mich schließen mit einem weiteren Zitat von Fritz Bauer: „Wir können aus der Erde keinen Himmel machen, aber jeder von uns kann etwas dafür tun, dass sie nicht zur Hölle wird“.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche der Ausstellung viele Besucherinnen und Besucher!
Die Ausstellung ist bis zum 28. April 2026 im Fritz Bauer Forum zu sehen.
Öffnungszeiten
Montag bis Mittwoch und Freitag 10.00-16.00 Uhr
Donnerstag 10.00-19.00 Uhr
An Wochenenden nach Vereinbarung