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Die traumatische Gewaltherrschaft des NS-Regimes hat sich tief in das seelische Erleben vieler Menschen eingeschrieben. Was einst erlebt, verdrängt oder gerechtfertigt wurde, wirkt bis heute fort. Doch in vielen Familien bleibt die Vergangenheit ein unbetretener Raum. Die Zeit der NS-Generation endet, das Großreinemachen bleibt aus.
„Sich von falscher Loyalität und verdrängendem Familien-Narrativ zu lösen, ohne die familiäre Verbundenheit aufzugeben, ist ein emanzipativer Akt der Selbstermächtigung.“ [1] In diesem Satz verdichtet sich ein zentrales Spannungsfeld der deutschen Erinnerungskultur im Kontext der NS-Zeit: Wie kann man sich ehrlich mit dem nationalsozialistischen Erbe auseinandersetzen, wenn die eigene Familie Teil dieses Systems war oder in dessen Schatten lebte? Wie gelingt es, familiäre Zugehörigkeit und historische Verantwortung miteinander zu vereinbaren, ohne in Verdrängung oder Abwehr zu verfallen?
Die Psychologin Sabine Lück [2] hat für dieses Dilemma den Begriff des „Treuevertrags“ geprägt. Ihrer Beobachtung nach gehen Kinder – oft unbewusst – einen inneren Pakt mit ihren Eltern oder Großeltern ein. Sie übernehmen nicht nur Werte und Sichtweisen, sondern auch Schweigen, Schuldabwehr oder Verharmlosung. Dieser psychodynamische Mechanismus steht in engem Zusammenhang mit dem Konzept des transgenerationalen Erbes. Was unausgesprochen bleibt, wirkt nach – nicht nur in familiären Erzählungen, sondern tief in der emotionalen und psychischen Struktur der nachfolgenden Generationen.
Solche Loyalitäten sind nicht per se problematisch. Doch sie werden toxisch, wenn sie die kritische Auseinandersetzung mit NS-Verstrickungen blockieren und stattdessen einen Mythos familiärer Unschuld oder Hilflosigkeit zementieren. Die Emanzipation von diesem verzerrenden Narrativ verlangt Mut: den Mut, hinzuschauen, Widersprüche auszuhalten und eigene Gefühle – auch Schuld, Scham oder Wut – zuzulassen. Es geht nicht darum, die Familie zu verleugnen, sondern darum, sich aus einer vererbten Verklärung zu befreien und so eine selbstbestimmte Haltung zur Vergangenheit zu entwickeln.
Die Publizistin Alexandra Senfft [3] erweitert diesen psychologischen Zugang um eine moralisch-politische Perspektive. Anstatt sich spekulativ der Frage zu widmen „Wie hätte ich mich damals verhalten?“, plädiert sie für die Umkehr: „Wie muss ich mich heute verhalten?“ In ihrer Arbeit zu NS-Tätern und deren Nachkommen beobachtet sie zwei sehr unterschiedliche Reaktionen auf das transgenerationale Erbe: „Die einen erfüllen den unausgesprochenen Auftrag mit dem sich Ergötzen am rechten Gedankengut und werden gewalttätig. Die anderen wollen von innen heraus erkunden, wie Faschismus sich in die Seele brennt.“ In dieser Unterscheidung zeigt sich die existentielle Bedeutung von Aufarbeitung: Sie ist keine rein historische, sondern eine zutiefst aktuelle, ja sogar präventive Praxis.
Senfft sieht in der heutigen Gesellschaft eine Besorgnis erregende Entwicklung: Die „Empathielosigkeit der Nazis hat sich einen Weg ans Licht zurückgebahnt“. Inmitten eines gesellschaftlichen Klimas, das erneut autoritäre, nationalistische und entmenschlichende Ideologien begünstigt, wird die Aufarbeitung der Vergangenheit zur moralischen Verpflichtung. Gerade weil das Unverarbeitete – sei es individuell oder kollektiv – nicht verschwindet, sondern andere Ausdrucksformen sucht.
Der emanzipatorische Akt, den der eingangs zitierte Satz beschreibt, ist deshalb mehr als ein persönlicher Prozess, mehr als nur eine private Angelegenheit. Vielmehr leistet er einen Beitrag zur Stärkung der kollektiven Widerstandskraft gegen Wiederholungen. Wer sich aufrichtig mit der NS-Vergangenheit seiner Familie auseinandersetzt, riskiert, Liebgewonnenes zu relativieren. Doch genau in dieser Zumutung liegt eine echte Chance: Die Verbundenheit zur Familie kann bestehen bleiben, ohne das Schweigen fortzuschreiben. Und die Gesellschaft kann lernen, einen Unterschied zwischen Erinnerung und Verantwortung zu machen – und beides miteinander zu verbinden.
Die deutsche Erinnerungskultur steht heute vor einer neuen Herausforderung: Der zeitliche Abstand zur NS-Zeit wächst, während rechte Deutungen wieder an Boden gewinnen. Umso wichtiger sind Stimmen, die das Schweigen durchbrechen, Loyalitäten hinterfragen, ohne zu zerstören – und die zeigen, dass Erinnerung keine Last, sondern eine Möglichkeit ist. Eine Möglichkeit zur Selbstermächtigung, zur Empathie, zur demokratischen Haltung.
Gerade unsere Generation, die die Tätergeneration noch persönlich erlebt hat – als Kinder oder Enkel – trägt eine besondere Verantwortung: das familiäre Wissen zu recherchieren in Gesprächen oder aus Dokumenten und nicht für sich zu behalten, sondern weiterzugeben. Denn wer von den Anfängen damals erzählen kann – von Ausgrenzung, Wegsehen, Gehorsam, innerer Anpassung –, schenkt der Gegenwart ein Frühwarnsystem. Es geht nicht darum, Schuld weiterzureichen, sondern darum, Orientierung zu ermöglichen: für eine Jugend, die sich heute wieder gegen autoritäres Denken, Ausgrenzung und Menschenverachtung behaupten muss.
Denn einzig, wer die eigene Familiengeschichte anerkennt, kann die Gegenwart aktiv mitgestalten. Erinnerung ist dann nicht Rückschau, sondern Haltung.
Über den Autor
Klaus-Peter Klauner ist Tontechniker von Beruf. Er setzt sich seit vielen Jahren mit transgenerationaler Verantwortung und der deutschen Erinnerungskultur auseinander. Mit der Webseite Kriegerdenkmal.org hat Klaus-Peter Klauner eine Initiative zur Umgestaltung der Kriegerdenkmale in Deutschland angestoßen und mit der Webseite lindenbergplatz.de engagiert er sich gegen geschichtsvergessenen Antisemitismus in seinem Heimatdorf. „Personalien und mehr“ finden Sie hier .
[1]
Klaus-Peter Klauner, lindenbergplatz.de, kriegerdenkmal.org
[2]
Sabine Lück, Psychologische Psychotherapeutin, Institut für Transgenerative Prozesse
[3]
Alexandra Senfft, Jounalistin und Autorin, u.a. im Vorstand des Arbeitskreises für intergenerationelle Folgen des Holocaust (ehem. PAKH)