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Am 21. August 2025 fand im Bochumer Fritz Bauer Forum eine Diskussionsrunde mit den Bochumer OB-Kandidat*innen statt. Thema: „An was wollen wir erinnern?“ Vor mehr als 100 Menschen sprachen die sieben Kommunalpolitiken*innen von CDU, SPD, Die Linke, FDP, UWG: Freie Bürger, Volt sowie ein Parteiloser.
„An was wollen wir erinnern?“ lautet also die Frage. Als in Deutschland lebender und sozialisierter Mensch lässt sich leicht erahnen, was da gemeint sein wird – oder worüber die Politiker*innen sprechen werden. Die Shoa, der Nationalsozialismus – so weit, so klar. Grundsätzlich war die Veranstaltung ein voller Erfolg für das Fritz Bauer Forum und das nicht nur wegen der zahlreichen Gäste. Auch die Idee, die unterschiedlichen Kandidat*innen zu einem Thema zu befragen, von ihnen Statements zu bekommen und sie in eine Diskussion zu bringen, muss als erfolgreich bewertet werden. Und zwar weil es, wie Milad Tabesch es beschrieb, „kein Bochumer Gladiatorenkampf“ war, sondern eine Veranstaltung auf Augenhöhe.
Und dennoch kamen einige Punkte unerwartet – oder ist zumindest sind sie so hängengeblieben, dass sie aufstoßen. Aufstoßen nicht bei den Politiker*innen, sondern bei mir.
Sieben Kommunalpolitiker*innen reden über Erinnerungskultur. Die wenigsten von ihnen mit ausgewiesener Expertise zum Thema, die wenigsten von ihnen mit Erfahrung im Themenfeld. Und doch, die sieben scheinen sich einig zu sein – und das Publikum ebenso. „Die Jugend“ soll es richten, man müsse „die Jugend“ erreichen, um die allgegenwärtigen Probleme unserer vermeintlich erfolgreichen deutschen Erinnerungskultur zu beheben. Mit „der Jugend“, einer scheinbar undefinierten Masse an Menschen, irgendwo zwischen Schule und Universität, irgendwo zwischen unwissend, aber bildungswürdig, soll es also gelingen – da ist man sich im Raum sicher.
Aber auf welche Weise? Ein Lichtblick: Bildung. Doch wie und in welchen Formaten? TikTok, Instagram, VR-Stadtrundgänge, die über den Nationalsozialismus aufklären? Oder doch indem Stolpersteine geputzt werden?
Erinnerung, den Eindruck erwecken die Redner*innen, sei ein Problem der jungen, noch kommenden Generation. Sicher ist es wichtig, kontinuierlich an den faschistischen Unrechtsstaat der NSDAP zu erinnern, ebenso an die vielen Opfer, die dieser forderte. Und es stimmt auch, dass wir – wie bereits seit Jahren beklagt wird – vor einem Ende der Generationen der Zeitzeug*innen stehen und Initiativen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, zu erinnern, auch überaltern. „Die Jugend“, da gebe ich den Redner*innen recht, hat die wohl schlechtesten Voraussetzungen, an eine Zeit zu erinnern, die sie nicht mal aus den Kindheitserzählungen ihrer Eltern kennt. Und gleichzeitig steht eine Generation auf der Bühne, die eben diese Problematik noch nicht hatte und die in ihrer Rolle als Kommunalpolitiker*innen zumindest Einfluss auf die Entwicklung hätte nehmen können. Eine Gruppe Menschen deren Altersdurchschnitt irgendwo zwischen 50 und 65 liegen dürfte wendet sich, mal wieder, an „die Jugend“, um die eigenen generationellen Versäumnisse zu korrigieren. Es scheint, als wenn man nur intensiv genug „die Jugend“ beschwört, man sie doch nur endlich erreichen könnte, dann wäre die Erinnerungskultur gerettet, die Menschenverachtung besiegt und die AfD halbiert. – Irgendwie unfair, oder?
Und doch, der Raum ist sich einig, dass das die Lösung ist – vielleicht oder gerade deswegen, weil „die Jugend“ nur sehr spärlich vertreten ist.
Doch damit nicht genug. Mit „der Jugend “ soll ja auch etwas passieren, sie soll durch demokratische Bildung immun gegen die Verführung des Nationalismus, des Fremdenhasses und der Bigotterie werden. Und selbst wenn das in vorherigen Generationen funktioniert hätte, so zeigt sich hier das nächste Problem: Wer soll diese Bildung machen? Wer nimmt Zeit, Expertise und Mittel in die Hand, um die Re-Faschisierung des einstigen Tätervolks aufzuhalten?
Hier wird es wirklich spannend, denn es ist nicht der Staat oder die Stadt, auf die man sich im Kampf gegen den Faschismus verlassen kann. Immerhin sind es dieselben Institutionen, die ihn mittragen werden, wenn der Rechtsruck vollzogen und eine Verfassung kaum mehr das Papier wert ist, auf dem sie geschrieben wurde. Ein Blick in die USA bestätigt das Zusammenspiel von autoritären Herrschern und willigen Behörden-Bürokraten nur zu gut.
Doch wer übernimmt dann die politische Bildung? Bereits in der noch jungen BRD sind es oft Barfußhistoriker*innen, die organisiert in lokalen Geschichtswerkstätten die eigene Stadtgeschichte durchforsten, oft mit gleich zweierlei erschreckenden Ergebnissen. Einerseits die lokalen Verbrechen, die Menschenrechtsverletzungen in der eigenen Stadt, und andererseits der Umstand, dass eben diese Stadt oftmals überhaupt kein Interesse an den Ergebnissen hatte. Nur an wenigen Orten hatten die Täter etwas zu befürchten, nur an wenigen Orten rollten Köpfe – in Bochum vor allem die der Wehrmachtssoldatenstatuen in Bochum Langendreer. Und auch hieran störte sich die Staatspolitik. Eine Erinnerungskultur von unten, mit eigenen Zielen, einer eigenen Kritik an eben diesen Wehrmachtssoldatenstatuen, einer Kritik am Erinnern des „Heldentums“ deutscher Soldaten im Zweiten Weltkrieg, schien nicht gewollt. Der Hinweis auf diese Episode Bochumer Geschichte erntet an diesem Abend, in diesem Raum, mehr selbstzufriedenes Gelächter als er verdient hätte. Klaus-Peter Klauner würde mir da sicher zustimmen. Politische Bildung wird also zu Recht nicht vom Staat übernommen – zumindest nicht direkt.
Also nochmal, wer soll die Bildung „der Jugend“ übernehmen? „Das Ehrenamt!“ So sind sich Teile des Podiums ebenso einig wie bei „der Jugend“. Das Ehrenamt gelte es also zu stärken, grundsätzlich keine falsche Idee, wie ich finde. Initiativen gibt es in Bochum dazu genug, sei es die an der Bergener Straße, die Initiative Nordbahnhof, studentische und ehrenamtliche Projekte. Die tiefgreifenden Probleme unserer Erinnerungskultur, das Vergessen dessen, was nicht vergessen werden darf und damit auch die grundlegenden Strukturen unseres Zusammenlebens, sollen also von „der Jugend“ und „dem Ehrenamt“ gerettet werden. Von all jenen also, die ihre Qualifikation, Expertise und Zeit zur Verfügung stellen, um die Welt ein wenig besser zu machen, ganz freiwillig, oft ohne selbst etwas davon zu haben, oft – und das ist vielleicht der Schlüssel – ohne etwas dafür zu verlangen. Das Ergebnis, drückt man es überspitzt aus: Wir müssen jene, die nichts wissen, durch jene, die nichts kosten, gegen den Zusammenbruch unserer demokratischen Gesellschaft immunisieren. – Nach einem Erfolgsrezept hört sich das, zumindest für mich, nicht an.
Dabei soll das hier keine Kritik am Ehrenamt und all den Engagierten sein, die sich oft schon seit Jahrzehnten gegen diese Entwicklungen stemmen. Genau so wenig wie eine persönliche Kritik Bochumer Kommunalpolitiker*innen. Ebenso wenig möchte ich an dieser Stelle Stadtarchive und engagierte – wenn auch oft mittellose – Kommunen vor den Bus werfen. Es geht dabei um mehr – um zu viel, um ehrlich zu sein.
Können wir es uns weiter leisten, auf gezielte Förderungen demokratiezentrierter Bildung zu verzichten? Können wir es uns leisten, „der Jugend“ das Minimum zu ermöglichen und einfach zu hoffen, dass dabei selbstsichere, gefestigte Demokrat*innen herauskommen?
Zeitgleich stehen Teile „der Jugend“ bereit, um Verantwortung zu übernehmen. Gut ausgebildet, bereit die Erinnerungskultur zu verändern, sie anzupassen im Sinne einer nachhaltigen Demokratieförderung. Und doch wird die politische Bildungsarbeit mehr zum Sehnsuchtsort als zur Realität für eben diesen Teil „der Jugend“. Chancen auf einen fair bezahlen Arbeitsplatz in diesem Bereich sind sehr rar gesät und ist oft nur mit, nahezu peinlich großen Abstrichen, erreichbar. Trotz eines abgeschlossenen Studiums eine volle Stelle arbeiten, aber nur eine halbe bezahlt bekommen? Sich nicht so anstellen sollen, weil man ja schließlich die Chance bekommt, in einem wichtigen Bereich zu arbeiten? Im Bereich der außerschulischen Bildungsarbeit keine Seltenheit, das nennt sich dann Volontariat. Zumindest diesen Teil „der Jugend“ erreicht man gut – nur halt nicht mit dem gewünschten Ergebnis.
Natürlich haben die Redner*innen recht, mit ihrer Idee an „die Jugend“ heranzutreten und auch „das Ehrenamt“ kann dabei eine bedeutende Säule sein, aber eben nur eine. Am Ende des Tages braucht es Menschen mit Expertise in der Vermittlung – vor allem dann, wenn eine Gruppe erschlossen und für Demokratie begeistert werden soll, die von der eigenen Lebensrealität weit entfernt ist. Kurz um: Es braucht (mehr) Hauptamtliche!
Politische Bildungsarbeit ist wichtig – das ist im Hinblick auf die deutsche Vergangenheit klar – aber sie ist auch zeitaufwändig. Nicht nur die Arbeit mit den (weiter) zu bildenden Gruppen, sondern auch in der Vorbereitung. Sich Zeit nehmen können, sich in ein Thema einarbeiten, differenzierte Positionen zu entwickeln und sich Konzepte zu überlegen, diese auch anderen, besonders jüngeren Menschen beizubringen, ist zeitintensiv. Und gleichzeitig darf eben diese Vorbereitung keine Frage persönlicher Kapazitäten sein – keine Selbstausbeutung. Das schließt selbstverständlich den Druck mit ein, auf dem neusten Stand der Forschung und der pädagogischen Methoden sein zu müssen. Zielgruppen lassen sich nicht mit etwas gutem Willen erreichen, vor allem dann, wenn sie sich schon abgewendet haben, braucht es professionelle, zuverlässige Trägerschaften, die Verantwortung übernehmen und gut ausgebildete Mitarbeiter*innen. Auch der technische Fortschritt stellt politische Bildungsarbeit vor neue Herausforderungen. Soziale Netzwerke, KI-generierte Inhalte und digitale Manipulationsstrategien verlangen nach neuen Konzepten, um junge Menschen zu erreichen und ihnen kritisches Denken zu vermitteln.
Wenn Träger nachhaltig finanziert sind, eröffnet dies Raum für Großprojekte, die Nachhaltigkeit ermöglichen. Denn Bildung ist eben keine Selbstverständlichkeit. Sie muss als gesellschaftlicher Wert anerkannt, gesichert und finanziert werden. Und nicht zuletzt braucht es Vorbereitung auf das, was kommt. Denn was sich heute noch am Ende der Generationen der Zeitzeug*innen manifestiert, wird morgen das Ende der Generation der engagierten Ehrenamtler*innen sein. Dabei darf es gleichzeitig nicht darum gehen, nur große Institutionen zu fördern. Auch gut ausgestattete, kleine bürgerschaftliche Initiativen können mit den richtigen Mitteln viel bewegen, sei es die erste hauptamtliche Person, die durch ihre Festanstellung die Zukunft einer Initiative besser planen kann, oder sei es eine Projektfinanzierung, die auf Dauer gestellt wird, um einen Ort zu erhalten. Das ist kein Wettkampf Institution gegen Initiative, Haupt- gegen Ehrenamt. Der Wettkampf findet an anderer Stelle statt und wir können es uns nicht leisten, darauf zu hoffen, dass die Zivilgesellschaft das schon richten wird. Nicht weil ich nicht an sie glaube, sondern vielmehr, weil ein weltweit grassierender Autoritarismus, der Rechtsruck und die zunehmende gesellschaftliche Kälte die Möglichkeiten eines Engagements, das sich auf die eigene Freizeit begrenzt, übersteigen. Wie gesagt, es steht viel auf dem Spiel, zu viel.
Sicher, all das sind keine Probleme, die sich von Bochum aus auf einen Schlag und in der ganzen BRD lösen lassen – aber warum sollte es Bochum nicht versuchen?