Interview: Yirgalem Fisseha

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Autor/Autorin

Portrait
Susanne Berger
Gastautor*in

Yirgalem Fisseha - Lyrikerin und Radiojournalistin

Im Interview von Susanne Berger (Washington D.C., USA)

Yirgalem Fisseha Mebrahtu ist eine von Eritreas prominentesten Dichterinnen, Journalistinnen und Schriftstellerinnen, sie wurde 1981 in Adi-Keih geboren, hundertzehn Kilometer südlich der Hauptstadt Asmara. Seit 1990 arbeitete sie mit sowohl staatlichen, als auch privaten Medien. Sie publizierte Gedichte, Kurzgeschichten und Artikel, bis 2001 die eritreische Regierung alle Privatzeitungen verboten hat. Ein Jahr zuvor, in 2000, war sie Mitbegründerin der bekannten literarischen Vereinigung „Der literarische Club von Adi-Keih“.

2002 besuchte sie das Asmara Teacher Training Institute (ATTI) und arbeitete über fünf Jahre als Produzentin und Moderatorin bei Radio Bana.

2009 wurde sie verhaftet und sechs Jahre lang in einem Militärgefängnis inhaftiert, ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Man warf ihr unter anderem vor, die Ermordung des eritreischen Präsidenten geplant zu haben. Sie war schweren Mishandlungen augesetzt, was zu wiederholten Krankenhausaufenthalten führte.

Erst 2015 wurde sie aus der Haft entlassen. Drei Jahre später floh sie aus Eritrea nach Uganda. Dort veröffentlichte sie ihre Gedichte und Texte, darunter  eine Zusammenfassung ihrer Erfahrungen im Gefängnis . Yirgalem Fisseha lebt und arbeitet heute in Deutschland. 2019 erhielt sie den Preis für Meinungsfreiheit  von PEN Eritrea. Außerdem gehörte  sie zu fünf Schriftstellerinnen und Aktivistinnen,  die im Jahr 2018 von PEN International ausgezeichnet  wurden . Im Oktober 2019 veröffentlichte sie ihren Gedichtband  I am alive  (in Tigrinya).

Interview

SB: Was ist das größte Missverständnis das Außenstehende über die politische Situation in Eritrea haben?

YF: Das größte Missverständnis und das wichtigste, was man über Eritrea wissen sollte, ist, dass es keine Regierung gibt. Ich bin immer verwirrt, wenn Länder oder Politiker sich auf die „Regierung“ in Eritrea beziehen. Es ist eine Schande, überhaupt mit so einem Regime umzugehen, das Menschen ohne Grund tötet, foltert, verhaftet und verschwinden lässt. Ich habe eine Frage an alle: „Warum und wie lange tolerieren wir dieses Regime?“

SB: Was sollte die internationale Gemeinschaft in ihren Beziehungen zu Eritrea bedenken?

YF: Ich denke, alle Länder widmen leider Eritrea und seiner Situation keine besondere Aufmerksamkeit. Sie verfolgen eine sogenannte „stille Diplomatie“, die dem Regime sehr gelegen kommt. Stattdessen ist die einzige Möglichkeit, die wir haben, Druck, Druck und Druck, in alle Richtungen.

SB: Was kann man konkret tun, um den Gefangenen in Eritrea zu helfen, von denen einige seit Jahrzehnten in Haft sind?

 

Zum Weltfrauentag veröffentlichte Yirgalem Fisseha auf dem migrationspolitischen Portal der Heinrich Böll Stiftung die Geschichte zweier mutiger Frauen, denen sie im Gefändnis begegnete: „Zehn Jahre Dunkelheit“ .

Are You Writing? 

Are you writing, sketching and scribbling,
Silently roaring and arguing?
Engraving your deep emotions
With a dough of tears!

That give off steam and heat
There and then
When truth battles to speak, and justice is hijacked
Compassion is trampled, and love screams
When the center cannot hold
And anarchy is loose
Do you shudder away by the pain and noise?
Or do you withhold, observe, and stay and write?

Their lie is called truth, your truth falsehood
Their bigotry is called honor, your courage is paid in death.

How could you then not not-write–
while standing there and it is fleeting before you–
Of course, you would write. How couldn’t you!

Go then and write, let it flow.
But where is the paper?
Just write it in the mind, or conceal it in the heart for now
The safe store,
where the wind cannot reach
And the flood cannot destroy.

(2014 Übersetzung 2019 von Ghirmai Negash)

Nervous Conditions

The prison cell fits my body height
Its mud floor serves in lieu of my bed.

Suffocates, sickly atmospheric overwhelming,
like a bad effect of traditional medicine,
Hell in the inside, caged by a door in the shape of a serpent’s mouth.

Too much sorrow, I can’t bear.
If anyone would call, “Come with me!”
I wouldn’t want to ask “where?”
But would rather concur
To go along.
Never mind: with Demon or Man.

(2010 Übersetzung 2019 von Ghirmai Negash)

Foto: Headerbild  Martin Schibbye , Future of Eritrea,   Students going home from school in Asmara, Eritrea

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