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Nachdem die Streitkräfte am 24. März 1976 einen Staatsstreich in Argentinien verübten, errichteten sie ein Regime des Terrors und der Verfolgung, in dessen Folge 30.000 Menschen aller Altersgruppen und sozialen Schichten aus politischen Gründen gewaltsam verschwanden. Unter ihnen befanden sich Hunderte von schwangeren Frauen, die in Gefangenschaft entbunden haben, und Kinder, die mit ihren Müttern und/oder Vätern verschleppt wurden.

Giselle Bordoy WMAR – Eigenes Werk; Ausstellung in der Casa pro la Identidad, 2015, CC BY-SA 4.0
Die Angehörigen der Opfer wandten sich an Gerichte, Polizeistationen, Krankenhäuser, Kirchen und öffentliche Einrichtungen, um Informationen zu erhalten – und sie stießen jahrelang auf komplizenhaftes Schweigen. Nach und nach taten sie sich zusammen, um Informationen auszutauschen und um sich gegenseitig Kraft zu geben.
Ein Jahr nach dem Militärputsch, im April 1977, verwandelten die Mütter der Plaza de Mayo ( Madres de Plaza de Mayo ) die polizeiliche Anordnung, die ihnen ein „Umhergehen“ erlaubte, bereits in eine „Donnerstagsrunde“, bei der sie fortan als gegenseitiges Erkennungszeichen ein weißes Tuch um den Kopf gebunden trugen, das an die weißen Stoffwindeln ihrer gewaltsam „verschwundenen“ Söhne und Töchter erinnerte.
Sechs Monate später verließ eine der Mütter, die auch Großmutter war, den Kreis und fragte: „Wer sucht sein Enkelkind oder hat eine schwangere Tochter oder Schwiegertochter?“ Das war der Moment, an dem zwölf der Frauen, die damals dabei waren, klar wurde, dass sie sich organisieren müssten, um auch die Kinder ihrer von der Diktatur verschleppten Kinder zu finden. Am 22. Oktober 1977 trafen sie sich zum ersten Mal und begannen ihren gemeinsamen Kampf, der bis heute andauert.
Alicia „Licha“ Zubasnabar de De la Cuadra, Raquel Radío de Marizcurrena, Haydée Vallino de Lemos, Delia Giovanola, Clara Jurado, María Isabel „Chicha“ Chorobik de Mariani, Mirta Acuña de Baravalle, Vilma Sesarego de Gutiérrez, Eva Márquez de Castillo Barrios, Leontina Puebla de Pérez, María Eugenia Casinelli de García Irureta Goyena und Beatriz Aicardi de Neuhaus wurden, ohne es damals bereits zu wissen, die zwölf Gründerinnen. Sie nannten sich Abuelas Argentinas con Nietitos Desaparecidos (Argentinische Großmütter mit verschwundenen Kindern), später nahmen sie den Namen an, den die internationale Presse ihnen gab und nannten sich Abuelas de Plaza de Mayo (Großmütter der Plaza de Mayo) .
Die argentinische Diktatur verfolgte einen systematischen Plan zur Aneignung von Babys und Kindern, mit illegalen Haftanstalten wie ESMA, Campo de Mayo, Pozo de Banfield, La Perla, der 5. Polizeistation in La Plata und anderen Orten, wo geheime Entbindungsstationen betrieben wurden. Etwa 500 Kinder von gewaltsam „Verschwundenen“ (Desaparecidos) , die in Gefangenschaft geboren oder mit ihren Müttern und/ oder Vätern geraubt worden waren, wurden zwischen 1975 und 1980 entführt. Einige Kinder wurden an Familien übergeben, die den Streit- oder Sicherheitskräften nahestanden; andere wurden als NN (Kinder ohne Namen) in Heimen ausgesetzt. In allen Fällen wurde ihre Identität annulliert und sie wurden in Kenntnis ihrer wahren Geschichten und der ihnen zustehenden Rechte und Freiheiten um das Zusammenlebens mit ihren Familien gebracht.
Die Großmütter der Plaza de Mayo ließen sich durch nichts und niemand bei ihrer Suche aufhalten. Sie wechselten sich bei ihrer Detektivarbeit ab und besuchten tagtäglich Jugendgerichte, Waisenhäuser und Ämter, während sie parallel dazu die Adoptionen in der damaligen Zeit überprüften. Um die Kinder zu finden, die von den Militärs geraubt und zur Adoption gegeben wurden, folgten sie außerdem den Hinweisen, die sie aus der Gesellschaft bekamen.

Día por la Memoria, la Verdad y la Justicia 24-03-2019, CC BY-SA 4.0
Im Laufe der Jahre entwickelten die Großmütter verschiedene Instrumente und Strategien, um nach ihren heute längst erwachsenen Kindern zu suchen. Sie verstärkten die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern, Journalisten, Lehrern, Juristen, Sportlern und Künstlern, die ihr Wissen zur Verfügung. stellten. Mit Massen- und regionale Kommunikationskampagnen appellierten sie an den gesunden Menschenverstand, damit die Gesellschaft die Schwere des Verbrechens der Kindesentführung und den Unterschied zwischen einer gutgläubigen Adoption und der Entführung eines Minderjährigen verstehen lernte. Sie förderten Fortschritte in der Genetik – wie die Formulierung des Großelternschaftsindexes, der es ihnen ermöglicht, ihre Enkelkinder zu identifizieren, auch ohne ihre gewaltsam verschwundenen Mütter und Väter.
In der Gesetzgebung erwirkten sie mit der Aufnahme der Artikel 7, 8 und 11 in das „Internationale Übereinkommen über die Rechte des Kindes“ die Schaffung eines neuen Rechts: das Recht auf Identität . Sie strengten Gerichtsprozesse an, um die Bestrafung der Verantwortlichen zu fordern und um die drei Säulen der Aufarbeitung Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit zu verteidigen.
Ihre Suche geht weiter und betrifft bereits die Generation ihrer Urenkel, die wie ihre Mütter und Väter leben, ohne ihre wirkliche familiäre Herkunft zu kennen. Diese Situation ist eine Herausforderung für die Demokratie, denn solange der letzte Enkel oder die letzte Enkelin, die während der Diktatur geraubt wurden, nicht gefunden ist, begeht der Staat weiterhin dieses Verbrechen und die Identität einer ganzen Generation ist in Frage gestellt.
Die Großmütter der Plaza de Mayo haben weiterhin die Aufgabe, das kollektive Gedächtnis weiterzugeben, um das Vermächtnis ihres Kampfes zu bewahren und dafür zu sorgen, dass sich diese schreckliche Menschenrechtsverletzung nicht wiederholt.
Diese Aufgabe stellt sich nach der Wahl des Präsidenten Milei verstärkt, denn die Erfolge des jahrelangen Kampfes der Mütter und Großmütter der Plaza des Mayo werden von der aktuellen Regierung in Frage gestellt. Die Betroffenen haben dies kommen sehen und mit Zorn und Entschlossenheit auf die Absicht der Regierung reagiert, ihre Suche künftig zu erschweren und die Institutionen, die auf ihre Initiative hin entstanden sind, zu schließen.
Schon jetzt hat Präsident Javier Milei per Dekret (727/2024) vom 13. August 2024 die Auflösung der Sonderermittlungseinheit ( Unidad Special des Investigación , UEI), einer Schlüsselstelle bei der Suche nach minderjährigen Kindern, die während der Diktatur geraubt wurden, angeordnet. Sie war der Nationalen Kommission für das Recht auf Identität (CONADI) zugeordnet und wird nun einem Referat der Staatsanwaltschaft zugeordnet.
Ebenfalls geschlossen wurde das Instituto Universitario de Derechos Humanos de las Madres de la Plaza de Mayo, das per Gesetz ( Ley No. 26.995 vom 7. November 2014) beschlossen wurde. Die Arbeitsgruppe “Gewaltsames Verschwindenlassen”, die seit 2015 unter anderem unterstützt von der Elisabeth Käsemann Stiftung eine Internetseite aufbaut und beim Ökumenischen Büro für Frieden uns Gerechtigkeit e.V. (München) angesiedelt ist, berichtet darüber auf ihrer “ Argentinien-Seite ” in einem Blogbeitrag.

Leandro Kibisz – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0. La Casa por la Identidad de las Abuelas de Plaza en el antiguo predio de la Escuela Superior de Mecánica de la Armada (ESMA) en el barrio porteño de Núñez.
Die Identität eines Menschen ist ein lebenslanger Prozess. Sie umfasst nicht nur die Aspekte ihrer biologischen Konstitution, sondern entwickelt sich und schließt die Erfahrungen ein, die sie mit ihren Bezugsgruppen, ihrer Familie, ihrer Gemeinschaft macht, wenn sie einen Namen erhält, eine Sprache erwirbt und wenn ihr Leben in eine Kultur, ein Territorium und eine kollektive Geschichte eingefügt wird. Die Geschichten, in die unsere eigene Geschichte eingeschrieben ist, ermöglichen es uns, uns als einzigartige und unwiederholbare Wesen in der Zeit sozial zu projizieren, immer in Beziehung zu anderen.
Das Recht auf Identität ist das grundlegende Recht eines jeden Menschen, seine Herkunft zu kennen. In Argentinien wurde dieses Recht während der letzten zivil-militärischen Diktatur durch einen systematischen Plan zur Beseitigung der Identität von Kindern durch den Staat selbst verletzt. Diese historische Tatsache machte deutlich, dass das Recht auf Identität explizit gemacht werden musste, damit es als grundlegendes Menschenrecht und somit als staatliche Verpflichtung zur Gewährleistung dieses Rechts angesehen werden konnte.
Dank der aktiven Beteiligung der Großmütter bei der UNO wurden im November 1989 wurden die Artikel 7, 8 und 11 in das Übereinkommen über die Rechte des Kindes (CRC) aufgenommen, um das Recht auf Identität weltweit zu garantieren. In Anerkennung dieses Kampfes werden sie auch „die argentinischen Artikel“ genannt.
Artikel 7
Artikel 8
Artikel 11
Die Aufnahme der Artikel über das Recht auf Identität in die UN-Kinderrechtskonvention (Übereinkommen über die Rechte des Kindes, New York, 20. November 1989, treaties.un.org; deutscher Text hrsg. v. Bundesfamilienministerium, PDF ) und ihre spätere Übernahme in die nationale Verfassung (im September 1990) sorgten für einen erweiterten und verstärkten Bezugsrahmen, von dem aus die Kämpfe um die Bedeutung dieses Themas sowohl im rechtlichen Bereich als auch in den gesellschaftlichen Darstellungen vertieft werden konnten.

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Zu erinnern bedeutet, Widerstand gegen das Vergessen zu leisten, sich für Wahrheit im Sinne historischer Aufklärung und für die Wiederherstellung des Rechts im Sinne von mehr Gerechtigkeit einzusetzen. Es war und ist ein langdauernder Kampf in Argentinien wie auch andernorts, wo zivil-militärische Diktaturen an die Macht gekommen sind.
2027 werden es 50 Jahre sein, dass die Großmütter der Plaza de Mayo zusammen mit ihren Töchtern und Söhnen um die Rechte ihrer Kinder und Enkel kämpfen. Viele werden darüber verstorben sein und ihre Enkel nie kennengelernt haben.
Auf der Webseite der Großmütter der Plaza de Mayo findet sich heute, im September 2024, die Information, dass weiterhin über 300 Kinder gesucht werden, 137 Kinder bzw. Enkel konnten gefunden werden: https://www.abuelas.org.ar/nietas-y-nietos/buscador . Die Webseite dokumentiert das Ausmaß eines der schlimmsten Verbrechen der zivil-militärischen Diktatur und zugleich die Geschichte der beeindruckenden und mutigen Großmütter, die sich der Staatsgewalt nicht gebeugt haben und für ihre Rechte und die ihrer Kinder bis heute weiterkämpfen.
Es gibt inzwischen zahlreiche Dokumentationen und die Aussagen von Zeug*innen und Betroffenen, die deutlich machen, welche schmerzhaften Prozesse die Aufklärung einzelner Fälle bei den entführten Kinder auslösen kann, die als Erwachsene plötzlich mit ihrer Herkunft und ihren wahren Eltern beziehungsweise ihren Großeltern konfrontiert werden. Hinzukommt, dass die Militärs einige der Kinder auch an Elternpaare gaben, bei denen die Väter selbst Militärs und an den Verbrechen der Militärdiktatur beteiligt waren. Diese Kinder/ Enkel*innen erfahren auf der Suche nach ihrer persönlichen Identität eventuell, dass ihre Adoptiveltern an der Ermordung ihrer leiblichen Eltern beteiligt waren oder davon wussten. Für manche ist dies so unerträglich, dass sie sich dieser Wahrheit nicht aussetzen lassen wollen oder können.
Die Organisation der Großmütter der Plaza de Mayo gehörte zusammen mit Angehörigen der Verschwundenen und vielen Einzelpersonen auch zu den Nicht-Regierungsorganisationen, die sich bei den Vereinten Nationen für ein “Internationales Übereinkommen zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen” ( deutsche Übersetzung ) eingesetzt haben. Es wurde am 20. Dezember 2007 von der Generalversammlung der Vereinten angenommen und hatte zu dem Zeitpunkt bereits eine rund dreißigjährige Geschichte. Das Verbrechen des Verschwindenlassens von Personen, das seit den Diktaturen in Chile und Argentinien zur systematischen Praxis zivil-militärischer Diktaturen gehört, wurde bereits 1978 in einer Resolution der Generalversammlung der UN erstmals benannt. Die Geschichte der Arbeitsgruppe und der Fortschritte, die sie erzielte, dokumentiert eine Webseite der ICAED, wo man sich ihren Anstrengungen anschließen kann.
In dem Übereinkommen heißt es:
Artikel 1
(1) Niemand darf dem Verschwindenlassen unterworfen werden.
(2) Außergewöhnliche Umstände gleich welcher Art, sei es Krieg oder Kriegsgefahr, innenpolitische Instabilität oder ein sonstiger öffentlicher Notstand, dürfen nicht als Rechtfertigung für das Verschwindenlassen geltend gemacht werden.
Artikel 2
Im Sinne dieses Übereinkommens bedeutet “Verschwindenlassen” die Festnahme, den Entzug der Freiheit, die Entführung oder jede andere Form der Freiheitsberaubung durch Bedienstete des Staates oder durch Personen oder Personengruppen, die mit Ermächtigung, Unterstützung oder Duldung des Staates handeln, gefolgt von der Weigerung, diese Freiheitsberaubung anzuerkennen, oder der Verschleierung des Schicksals oder des Verbleibs der verschwundenen Person, wodurch sie dem Schutz des Gesetzes entzogen wird.
Artikel 3
Jeder Vertragsstaat trifft geeignete Maßnahmen, um wegen Handlungen im Sinne des Artikels 2, die von Personen oder Personengruppen ohne Ermächtigung, Unterstützung oder Duldung des Staates begangen werden, zu ermitteln und die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen.
Das Übereinkommen wurde (Stand September 2024) von 95 Mitgliedstaaten ratifiziert (vgl. https://www.icaed.org/home/ ).
Wir danken den Großmüttern der Plaza de Mayo für persönliche Gespräche und die Informationen, die sie uns über ihre Webseite und aktuelle Beiträge zur Verfügung stellen.
Abuelas de Plaza de Mayo . Offizielle Webseite: https://www.abuelas.org.ar/
Espacio Memoria y Derechos Humanos. Ex ESMA. Offizielle Webseite des Erinnerungsortes, der in der ehemaligen Escuela Mecánica de la Armada, einer Ausbildungseinrichtung der argentinischen Marine eingerichtet wurde, in der die als so genannte “innere Feinde” Verfolgten gefoltert wurden und von wo aus sie verschleppt wurden und “verschwanden”. Der Ort erinnert an die 5000 Opfer des argentinischen Staatsterrors, die hier ermordet wurden und verschwanden: https://www.espaciomemoria.ar/historia/ – Im September wurde die Bildungs- und Gedenkstätte in die Liste der UNESCO-Welterbestätten aufgenommen.
Papelitos. 78 historias. 78 Papelitos sobre un Mundial en dictadura. Ed. por Memoria Abierta und NAN. (In 78 stories, this multiplatform research developed by Memoria Abierta and NAN , with the support of the Embassy of the Netherlands , collects testimonies, recovers speeches, reconstructs stories and offers analysis of different perspectives that went through that sporting event: that of its actors –football players and coach staff from Argentina and other countries–; the protagonists of the context of terror –men and women kidnapped in clandestine detention centers, their relatives who didn’t know what had happened to them, the human rights organizations–; that of those who from exile struggled to turn that sporting spectacle into an opportunity to reveal the crimes against humanity that happened in Argentina; the one offered by the media, which was reflected in the cultural expressions; the experience of the fans; the experience of the repressors.) Webseite spanisch/ englisch: https://papelitos.com.ar/nota/agenda
Dillon, Marta, Historia de los Organismos de Derechos Humanos – 25 años de Resistencia, 1/ Abuelas de Plaza de Mayo (1998), Online Ressource Comisión Provincial por la Memoria, PDF
Eisenstaedt, Eva, Z weimal Überleben. Von Auschwitz zu den Müttern der Plaza de Mayo. Die Geschichte der Sara Rus. Aus dem Span. von Regina Malke Schmiedeberg. Wien: Mandelbaum-Verlag, 2010.
Gorini, Ulises, Historia de las Madres de Plaza de Mayo. 1. La rebelión de las Madres: 1976 – 1983. Buenos Aires: Grupo Ed. Norma, 2006.
Gorini, Ulises, Historia de las Madres de Plaza de Mayo. 2. La otra lucha: 1983 – 1986. Bd. Buenos Aires: Grupo Ed. Norma, 2008.
Guzmán Bouvard, Marguerite, Revolutionizing motherhood. The mothers of the Plaza de Mayo. Wilmington, Del.: SR books, 1994 (Latin American silhouettes).