Dossier Colonia Dignidad

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Dossier Colonia Dignidad

Das Dossier erscheint zum Erscheinen des Buches von Emma Sepúlveda Pulvirenti, Erinnerungen von Ilse an Colonia Dignidad . Bochum: BUXUS EDITION , 2024, 230 Seiten, ISBN 978-3-949379-17-8 (19,00 Euro).

Die BUXUS EDITION veröffentlicht das Buch von Emma Sepúlveda Pulvirenti und das Fritz Bauer Forum das Dossier dazu, um damit eine Erinnerungskultur zu bestärken, die in Überlebenden nicht allein passive Objekte der Geschichte sieht. Dies fordert auch die Menschenrechtsorganisationen Asociación por la Memoria y Derechos Humanos Colonia Dignidad . (1) Der Frankfurter Rundschau erklärte die Präsidentin der Asociación im August 2024, in „Deutschland werde Opfern meist eine passive Rolle zugesprochen“, während Organisationen wie ihre darauf beharren, „dass die Opfer von Menschenrechtsverletzungen aktiv gegen die Situation gekämpft hätten.“ Karen Cea betont: „Unsere Erinnerungskultur beinhaltet auch die Wertschätzung des Widerstands gegen die Menschenrechtsverletzungen.“ (2)

Emma Sepúlveda Pulvirentis Roman ist eine solche Wertschätzung des Widerstandskampfes eines Opfers beziehungsweise einer Überlebenden der Colonia Dignidad, ohne diesen Widerstandskampf zu verklären. Dass in einer „geschlossenen totalitären Gruppierung“ (Jan Stehle) mit religiöser Ausgestaltung die Opfer auch zu Täter*innen wurden, gehört zur Infamie der Geschichte. Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik und insbesondere der Holocaust sind die schrecklichsten Beispiele für ein solches Verbrechen. Emma Sepúlveda Pulvirenti klammert diese Infamie nicht aus, sondern lässt sie im Gegenteil in ihrer Erzählung in all ihrer Ambivalenz schmerzhaft nachvollziehbar werden.

Emma Sepúlveda Pulvirenti ist Historikerin, sie studierte Geschichte an der Universität von Chile und machte ihren Abschluss in den Vereinigten Staaten, wo sie den größten Teil ihrer beruflichen Laufbahn verbracht hat. Unter anderem hat sie siebzehn Jahre lang in den Printmedien von Nevada gearbeitet und konnte 1994 als erste Latina für den Senat von Nevada zu kandidieren. Als Autorin von mehr als dreißig Büchern, darunter das preisgekrönte Setenta días de noche , wurde sie für ihr literarisches Werk und für ihren Einsatz für die Rechte der Latino-Bevölkerung in den USA mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter der Latino Book Award , der Thorton Peace Prize und die GEMS Woman of the Year in Literature . Sie ist emeritierte Professorin an der University of Nevada, Reno, wo sie das Center for Latino Studies gegründet hat.

Die Schriftstellerin, Politikerin und Journalistin Emma Sepúlveda Pulvirenti hat für den Roman Erinnerungen von Ilse an Colonia Dignidad  viele Jahre recherchiert und die Wirklichkeit in eine fiktive Realität verwandelt, die ihre Leser*innen in den Bann zieht. Die Erinnerungen einer jungen Frau (Ilse), die einen Teil ihrer Jugend in der Colonia Dignidad verbringen muss und miterlebt, vor allem aber am eigenen Leib erfährt, wie die Opfer zu Tätern und Täterinnen gemacht werden können, sind schwer erträglich.

Wie kann ein junger Mensch sich aus der Abhängigkeit befreien, welche Kräfte verhelfen Ilse, sich dem Terror nicht zu ergeben, bekommt sie Hilfe? Das Buch erzählt offen und schonungslos die Geschichte einer jungen Frau, die eine der unheimlichsten Abschnitte der chilenischen und auch der deutschen Geschichte erlebt und die lernt, sich zu befreien. Die Geschichte ergänzt die bereits erschienenen Überlebensgeschichten von Geflüchteten aus der Colonia Dignidad.

Um Leser*innen, die sich noch nicht mit der Geschichte der Colonia Dignidad auseinandergesetzt haben oder sie nur vom Hörensagen als „religiöse Sekte“ oder auch  „Nazi-Siedlung“ kennen was beides so nicht zutrifft –, haben wir ein Glossar zum Buch (PDF) erstellt. Sie finden darin kurze Erläuterungen zu Personen, zu einigen Begriffen und Orten, auf die die Autorin Emma Sepúlveda Pulvirenti in ihrem Buch eingeht.

Glossar zum Buch „Erinnerungen von Ilse an Colonia Dignidad“

Hier geht es zum Glossar des Buches von Emma Sepúlveda Pulvirenti (PDF) . Es wurde von Dr. Mathias Sasse zum Buch erstellt, der den Roman von Emma Sepúlveda Pulvirenti übersetzt hat.

Zur Geschichte der Colonia Dignidad (heute „Villa Baviera“)

Die Colonia Dignidad in Chile wurde 1961 rund 350 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago in idyllischer Lage am Fuße der Anden von dem evangelikalen Pfarrer Paul Schäfer gegründet und von circa 300 deutschen „Siedler*innen“ bewohnt und bewirtschaftet. Schäfer (*1921 †2010), ein Sadist, Vergewaltiger und von der Justiz wegen Kindesmissbrauchs gesuchter Verbrecher, hatte sich nach Chile abgesetzt. Er schuf und prägte das in sich geschlossene hierarchische Terrorsystem der Colonia Dignidad bis zu seiner Flucht nach Argentinien 1996 und seiner Verhaftung im Jahr 2005. Seine Gewaltherrschaft bestimmt das Leben in der Kolonie bis heute, denn noch immer leben hier „Colonos“ (wie sich die Bewohner*innen nennen), die sich nicht von dem System losgesagt haben und schwer traumatisiert sind.

Der chilenischen Militärdiktatur unter Führung von General Augusto Pinochet, der sich 1973 durch Verrat an der Regierung von Präsident Dr. Salvador Allendes an die Macht putschte, diente Paul Schäfer zusammen mit seiner Führungsclique und Gefolgschaft sowie der Wachmannschaft in der Colonia Dignidad als ein zentrales Folterzentrum. Der chilenische Geheimdienst (DINA) ging seit 1973 in der Colonia Dignidad ein und aus und sie diente als eines der wichtigsten Folter- und Tötungslager des Gewaltregimes.

Politisch Verfolgte „verschwanden“ hier für immer, ihre Massengräber wurden bis heute nicht gefunden geschweige denn konnte die Identität aller in der Kolonie Ermordeten aufgedeckt werden. Auch nicht, nachdem die Colonia Dignidad 1994 behördlich aufgelöst und Schäfer mehrfach in Chile wegen Gewaltverbrechen verurteilt worden war. Die Zahl der in der Kolonie Ermordeten wird auf über Hundert geschätzt, die der Gefolterten auf mehrere Hundert. Weiterhin demonstrieren regelmäßig Angehörige der „Verhafteten und Verschwundenen“ vor dem Gelände der Colonia Dignidad beziehungsweise der heutigen Villa Baviera.

Währenddessen ziehen das auf dem Gelände errichtete Hotel und das stilecht eingerichtete bayerische Restaurant zahlreiche Touristen an, auch nachdem das gesamte Wohngelände vom Staat unter Denkmalschutz gestellt wurde. Die Zukunft des Ortes ist ungewiss, ob es je zu einem Erinnerungsort kommen wird, ist höchst fraglich, und auch die Eigentumsverhältnisse sind weiterhin ungeklärt, was für die aktuellen Bewohner*innen eine zusätzliche Unsicherheit bedeutet. Einige bleiben offenbar auch deshalb dort, weil sie ihr Eigentum nicht aufgeben wollen und eine Entschädigung von der Führungsgruppe der Kolonie erwarten.

Von Xarucoponce, Restorán anexo al Hotel de Villa Baviera

Forschungsarbeiten zur Geschichte und Erinnerung

Über die Geschichte der Colonia Dignidad sind in den letzten zwanzig Jahren umfassende wissenschaftliche Forschungsarbeiten unterschiedlicher Disziplinen publiziert worden, vor allem in jüngster Zeit. Inzwischen sind um die 25 Bücher über den Verbrechensort und die Funktionsweise des dort herrschenden Terrorsystems erschienen. Zuvor machten jahrzehntelang Menschenrechtsaktivist*innen und Journalist*innen auf die vielen Verbrechen aufmerksam, die in der Kolonie seit Anfang der 1960er Jahren vor allem an Frauen und Kindern (Jungen und Mädchen) begangen wurden. Zu diesen Verbrechen gehörten pädokriminelle Handlungen, Vergewaltigungen, Entführungen, Arbeitszwang, Schläge und tagtäglich geschlechtsspezifische wie geschlechtsübergreifende sexualisierte Gewalt.

Abgesehen von dem für die Aufklärung der Geschichte und den Umgang damit entscheidenden zivilgesellschaftlichen Engagement und damit verbundenen Publikationen, erschienen auch Berichte und Zeugenaussagen von geflüchteten Gruppenmitgliedern. Sie konnten aber jahrelang ebensowenig das Schweigen durchbrechen, das besonders in Deutschland von offizieller Seite gegenüber der nach Chile ausgewanderten Gruppierung geübt wurde, wo sexualisierte Gewalt, Folter und Indoktrination an der Tagesordnung waren. Die chilenischen Opfer, die während der Militärdiktatur in der Colonia Dignidad gefoltert und ermordet wurden, wurden in Deutschland von offizieller Seite fast völlig ausgeklammert.

Vor allem die jüngeren und jüngsten Publikationen geben wichtige neue Anstöße zu weiteren vertieften Forschungsarbeiten. Die mittlerweile vorhandenen Oral History Archive mit Interviews von Opfern und Überlebenden (seltener auch mit Tätern*innen) sind noch nicht erschöpfend ausgewertet. Viele Archivquellen, die weit verstreut und besonders in Privatarchiven zu finden sind, werden wohl auch noch zugänglich werden. Auch die Akten im Auswärtigen Amt sind noch nicht vollständig ausgewertet und freigegeben.

Wer sich über die Geschichte der Colonia genauer informieren will, kann dies anhand der jüngsten Publikationen jedenfalls im Detail tun. Dazu hier einige Hinweise:

Zuletzt erschienen ist der von Stefan Rinke, Philipp Kandler und Dorothee Wein herausgegebene Sammelband Colonia Dignidad. Neue Debatten und interdisziplinäre Perspektiven . Frankfurt am Main: Campus-Verlag 2023.

Der Band enthält Ansatzpunkte aus psychologischer Perspektive ebenso wie Einordnungen in die Sektenforschung und in die Erforschung des Widerstands. Er fasst den Stand der jüngeren Forschungen zusammen, zumal die Hauptbeteiligten an der Aufdeckung der Verbrechen in der Colonia Dignidad in diesem Band versammelt sind.

Die Herausgeber*innen haben als Leiter (Prof. Rinke) und wissenschaftliche Mitarbeiter*innen ein Oral History Archiv an der FU Berlin aufgebaut, mit dem Titel: „Colonia Dignidad. Ein chilenisch-deutsches Oral History Projekt“. Das Archiv ist öffentlich zugänglich und wird in dem aktuellen Sammelband teilweise ausgewertet. Siehe dazu die Webseite des Projekts mit weiteren Textbeiträgen: https://www.cdoh.net/

Zu dem Projekt heißt es auf der Webseite: „Im Rahmen des Projekts wurden 64 lebensgeschichtliche Interviews mit Bewohner/innen, politischen Gefangenen, Angehörigen, chilenischen Jungen, gegen die Paul Schäfer sexuelle Gewalt ausübte und weiteren Zeitzeuginnen und Zeitzeugen geführt. Die deutsch- oder spanischsprachigen Video-Interviews wurden transkribiert, übersetzt und wissenschaftlich aufbereitet. Die Interviews werden in einem Online-Archiv in geschütztem Rahmen bereitgestellt.“

In der Ausgabe 04/2024 der Zeitschrift für Biografieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen  BIOS findet sich ein Artikel von der Projektmitarbeiterin Dorothee Wein (FU Berlin) über das Interviewarchiv und dessen Entstehungskontext, wobei sie speziell der Frage nachgeht, wie das Archiv mit seinen Interviews selbst zum Akteur der Auseinandersetzung mit der Geschichte wurde.

Dorothee Wein, „Colonia Dignidad von heute aus erzählt. Ein chilenisch-deutsches Oral History-Archiv als vielstimmiger Resonanzraum“ , in: BIOS Zeitschrift für Biografieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen , 2/2022 (erschienen 04/2024), S.138-163. DOI: https://doi.org/10.3224/bios.v35i2.02

Im September 2021 wurde eine Studie mit Frauenprotokollen aus der Colonia Dignidad abgeschlossen, sie ist inzwischen in 2. Auflage 2022 unter dem Titel Lasst uns reden  erschienen und gibt erstmals detailliert Aufschlüsse über das Leben der Frauen in der Colonia Dignidad. Das ist besonders deshalb von Interesse, weil die Kolonie weiterhin in erster Linie mit dem sexuellen Missbrauch an Jungen in Verbindung gebracht wird, während die Erfahrungen der Mädchen und Frauen lange Zeit ausgeklammert wurden.

Die Autorin Heike Rittel, von Beruf Lehrerin, besuchte 2012 erstmals die Colonia Dignidad und kam dann immer wieder zurück, um mit den weiblichen Opfern zu leben und zu sprechen. Mitautor ist Jürgen Karwelat, der bereits an der 1977 erschienen Broschüre von Amnesty International mitgearbeitet hat, die erstmals eine größere Öffentlichkeit über die Geschehnisse an dem Ort aufklärte und auch die Kollaboration mit dem Geheimdienst nicht aussparte.

Amnesty International (Hrsg.), Colonia Dignidad: deutsches Mustergut in Chile ein Folterlager der DINA. Frankfurt am Main 1977.

Heike Ritter und Jürgen Karwelat, Lasst uns reden. Frauenprotokolle aus der Colonia Dignidad. Mit Fotografien von Andreas Höfer. 2. Aufl., Stuttgart (Schmetterling Verlag) 2022, ISBN 3-89657-034-x.

Der Band enthält zudem eine sehr gut lesbare Einführung und eine „Zeitleiste der Geschichte“, Begriffserklärungen und ein Personenregister, was zur Begleitung der einzelnen Geschichten, die nicht in Interviewform aufgezeichnet wurden, sondern als Erzählungen, hilfreiche Ergänzungen sind.

Von Zazil-Ha Troncoso 2: Integrantes de la Asociación por la Memoria y los Derechos Humanos Colonia Dignidad hicieron un homenaje en las fosas donde fueron inhumados y exhumados ilegalmente los cuerpos de los detenidos desaparecidos en Colonia Dignidad durante la dictadura de Augusto Pinochet en Chile.

Versäumte juristische und verspätete erinnerungskulturelle Auseinandersetzung

Die juristische Auseinandersetzung mit den in der Colonia Dignidad begangenen Verbrechen ist in Deutschland anders als in Chile eine Leerstelle. Es ist die Geschichte eines Versagens und Wegschauens, die sich über Jahrzehnte hinzieht. Obwohl der Journalist Dieter Maier, Amnesty International sowie weitere Menschenrechtsaktivist*innen und Publizisten immer wieder auf den Fall aufmerksam machten und Menschenrechtsanwält*innen wiederholt Klagen einreichten, kam es zu keiner Verurteilung. Tatsächlich gelang es den Akteuren um Paul Schäfer sogar von Anfang an, den Spieß immer wieder umzudrehen und die Ankläger zu Beklagten zu machen, wie im Falle der Broschüre von Amnesty International. Um die Aufklärung zu verhindern, beschäftigte die Colonia Dignidad ganze Teams von Anwältinnen und Anwälten.

Jan Stehle, Politikwissenschaftler am Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika (FDCL) in Berlin, der seit Jahren zum Fall Colonia Dignidad forscht und publiziert,  ist in seiner Dissertation insbesondere der Frage der Mitverantwortung der deutschen Behörden an den Menschenrechtsverletzungen nachgegangen und hat für sein Buch umfassend Primärquellen ausgewertet. Er kommt zu dem Schluss, dass die Behörden die Verbrechen deckten und damit das kriminelle Handeln unterstützten, so dass am Ende nicht Hunderte, sondern gar tausende Personen geschädigt werden konnten. Vor allem der Justiz in Nordrhein Westfalen hält Jan Stehle vor, dass sie zu keinem Zeitpunkt angemessen ermittelt hat:

„Sogar Ende der 1980er Jahre, als selbst aus dem AA (=Auswärtigen Amt, d. Red.) kritischere Töne und Forderungen nach Aufklärung der Verbrechen laut wurden, und auch in den 2010er Jahren, als umfangreiche Ermittlungen und Urteile der chilenischen Justiz vorlagen, blieben entscheidende Akteur_innen der NRW-Justiz weitgehend inaktiv oder stützten bestehende Argumentationsmuster. Jedenfalls recherchierte und ermittelte die Justiz in NRW zu keiner Zeit aktiv genug, um die Zusammenhänge und Hintergründe des Systems CD auch nur ansatzweise zu durchleuchten. Sie stellte sämtliche Ermittlungsverfahren ohne Anklageerhebung ein. Juristisch gesehen existieren die CD-Verbrechen damit in der Bundesrepublik bis heute nicht, zumindest gibt es offiziell keine Täter_innen. Ohne die Urteile der chilenischen Justiz gäbe es bis heute keinerlei offizielle Anerkennung der CD-Verbrechen als bestätigte Tatsachen.“

Jan Stehle, Der Fall Colonia Dignidad. Zum Umgang bundesdeutscher Außenpolitik und Justiz mit Menschenrechtsverletzungen 1961-2020 . Bielefeld (transcript) 2021. Das Buch ist dankenswerter als E-Book-Ausgabe (open access) nachlesbar: https://www.transcript-verlag.de/author/stehle-jan-320027450/)

Fazit der Studie sind fünf Punkte, die allesamt eine grundsätzliche Aufarbeitung des Falls Colonia Dignidad aus der Sicht der Opfer und Überlebenden einfordern. Jan Stehle schlägt eine Wahrheitskommission vor, fordert die Offenlegung aller Quellen unabhängig von Staatsinteressen, eine ausreichende Entschädigung der Opfer, einen juristischen Umgang mit der Colonia Dignidad als kriminelle Organisation und die Errichtung eines Gedenk- bzw. Dokumentationszentrums bei Auflösung der noch vorhandenen Machtstrukturen aus der Zeit der Colonia Dignidad, das heißt auch die Aufklärung der Vermögensverhältnisse (S. 612f.).

Eine besonders aufschlussreiches Zeugnis über die systematische Repression während der Pinochet-Diktatur fiel der chilenischen Polizei im Jahr 2000 in die Hände, als sie auf der Suche nach Waffen war: das Karteikartenarchiv der Colonia Dignidad . Es besteht aus 45.000 Karteikarten und weiteren Dokumenten, die der Germanist und evangelische Theologe Dieter Maier zusammen mit dem chilenischen Journalisten Luis Narváez mit Hilfe einer Datenbank auswertete. Die Karteikarten, die zunächst unter Verschluss genommen wurden und 2014 durch Narváez Fernsehfilm Las fichas del Horror bekannt wurden, sind heute auf Initiative der Asociación por la Memoria y Derechos Humanes Colonia Dignidad im Nationalarchiv in Santiago de Chile zugänglich, die Datenbank ist im Internet aufrufbar: www.fichas-chile.com.

Dieter Maier (der auch unter dem Pseudonym Paul Heller über die Colonia Dignidad publizierte und eine Biografie über Pinochet publizierte), bezeichnet den Zweck des Archivs, das Dr. Gerd Seewald für Paul Schäfer anlegte und das auf Spanisch geführt wurde, als Dienstleistung” der Colonia Dignidad, die für die Diktatur  und den Geheimdienst DINA von zentraler Bedeutung war. Das Karteikartenarchiv umfasst die Jahre 1973-1990 und betrifft vor allem die gewaltsam verschwundenen Chilenen und Chileninnen, die erfasst wurden. Es gibt aber auch Aufschlüsse über das Terrorsystem innerhalb der Colonia Dignidad, die Beteiligten und wie es funktionierte.

Dieter Maier und Luis Narvaéz, Kartei des Terrors. Notizen zum Innenleben der chilenischen Militärdiktatur (1973-1990) aus der Colonia Dignidad. Stuttgart: Schmetterling Verlag, 2022.

Mit dem Thema Erinnern und Vergessen  der in der Colonia Dignidad begangenen Verbrechen und der Sicht der traumatisierten Überlebenden auf dieses Thema hat sich Meike Dreckmann-Nielen (Kulturwissenschaftlerin und Historikerin) in ihrer Dissertation auseinandergesetzt und die erinnerungskulturellen Dynamiken detailliert und nach umfangreichen Recherchen am Ort selbst herausgearbeitet. Vor allem die Sünden-Vergebungsmaxime des Schäfer’schen Systems, die sie aufdeckt, erklärt die Konflikte, die es bis heute um eine offene Auseinandersetzung mit den Gewaltverbrechen in der Kolonie gibt. Quasi jeder und jede ist in dem System zum Täter beziehungsweise zur Täterin geworden, aufgrund des herrschenden religiösen Erlösung- und Heilversprechens wird aber gleichzeitig beständig einander “vergeben und vergessen”, um der Hölle zu entrinnen. Diese über viele Jahre eingeübte Vergebungsmaxime hat in eine Schweigespirale im Innern der Kolonie geführt, die das gewaltsame Verschwindenlassen während der Militärdiktatur in Chile einschließt. Denn das Schweigen bedeutet: Es gibt keine Zeugen, die sprechen und die Wahrheit aufdecken würden.

Das System einer in sich geschlossenen verbrecherischen Organisation, deren zahlreiche Verbrechen juris tisch geklärt werden müssten, spiegelt sich in den erinnerungskulturellen Debatten und setzt sich bis heute in einem Kampf um Deutungshoheiten und Opferidentitäten fort, der nur sehr schwer zu durchbrechen ist. So betont M. Dreckmann-Nielen, dass selbst wenn es zu einer Rechtsprechung kommen würde, dies nicht bedeutet, dass sie von den Bewohnerinnen und Bewohnern anerkannt wird, die sich weiter in der Schweigespirale der Vergebungsmaxime bewegen.

Um den offenen Dialog zu bestärken, hat Meike Dreckmann-Nielen einen Blog im Internet eingeführt:

Colonia Dignidad Public History Blog (CDPHB) : Der  Blog versteht sich als Plattform für Information, Netzwerk und Diskussion zur Geschichte der Colonia Dignidad und möchte Forschung und die interessierte Öffentlichkeit näher zusammenbringen. Er entstand begleitend zu der Dissertation von Meike Dreckmann-Nielen, im Rahmen derer sie die Erinnerungskultur/Geschichtskultur an die Colonia Dignidad untersucht hat (der Blog scheint allerdings kaum noch aktualisiert zu werden).

Anmerkungen

(1) Siehe über die Menschenrechtsorganisation: https://www.coloniadignidad.cl/quienes-somos/

(2) Zitat aus der Frankfurter Rundschau , 11. August 2024: https://www.fr.de/politik/colonia-dignidad-die-zukunft-der-foltersekte-93232568.html

Literaturverzeichnis und Links

Britta Buchholz: Es bleibt in der Familie. In: Die Zeit , 28. April 2005 (mit Bezahlschranke).

Meike Dreckmann-Nielen, Die Colonia Dignidad zwischen Erinnern und Vergessen. Zur Erinnerungskultur in der ehemaligen Siedlungsgemeinschaft . Bielefeld: Transcript Verlag, 2022, ISBN 978-3-8376-6213-9 ( transcript-verlag.de Open Access als PDF).

Annette Ende, Versklavt im Namen Gottes. Kinder in der Hölle der Colonia Dignidad.  Missbraucht, gefoltert, ermordet, verscharrt. Radeberg: DeBehr, 2023, ISBN 978-3-987-27110-6.

Ulla Fröhling, Unser geraubtes Leben. Die wahre Geschichte von Liebe und Hoffnung in einer grausamen Sekte. Köln: Bastei Lübbe, 2012, ISBN 978-3-404-61660-2.

Gero Gemballa, Colonia Dignidad. Ein deutsches Lager in Chile . Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1988, ISBN 3-499-12415-7.

Gero Gemballa, Colonia Dignidad. Ein Reporter auf den Spuren eines deutschen Skandals . Frankfurt am Main / New York: Campus, 1998, ISBN 3-593-35922-7.

Christoph Gunkel, Opfer der Colonia Dignidad, „Das waren wahnsinnige Schreie“ , Kommentierte Fotostrecke, Der Spiegel , 15. Februar 2016.

Friedrich Paul Heller (Dieter Maier), Colonia Dignidad. Von der Psychosekte zum Folterlager . Stuttgart: Schmetterling, 1993, ISBN 3-926369-99-X.

Friedrich Paul Heller (Dieter Maier), Lederhosen, Dutt und Giftgas. Die Hintergründe der Colonia Dignidad . Stuttgart: Schmetterling, 2006 (4., erweiterte und aktualisierte Auflage 2011), ISBN 978-3-89657-096-3.

Ute Löhning, Opfer der Colonia Dignidad Versklavt, verarmt, vergessen? , Deutschlandfunk Hintergrund vom 12. April 2017.

Ute Löhning, Bundesregierung muss Konzept vorlegen Schwierige Aufarbeitung der Colonia Dignidad-Verbrechen , Deutschlandfunk Hintergrund vom 28. Juni 2018.

Dieter Maier, Colonia Dignidad. Auf den Spuren eines deutschen Verbrechens in Chile. Stuttgart, Schmetterling, 2016, ISBN 3-89657-098-6.

Dieter Maier / Luis Narváez, Kartei des Terrors: Notizen zum Innenleben der chilenischen Militärdiktatur (1973-1990) aus der Colonia Dignidad. Stuttgart: Schmetterling, 2022, ISBN 3-89657-045-5.

Dietmar Pieper und Helene Zuber: Die Pistole lag immer griffbereit. In: Der Spiegel 3, 10. August 1997.

Stefan Rinke, Philipp Kandler, Dorothee Wein (Hrsg.), Colonia Dignidad. Neue Debatten und interdisziplinäre Perspektiven. Frankfurt am Main: Campus, 2023, ISBN 978-3-593-51583-0.

Horst Rückert, Das Blendwerk. Von der Colonia Dignidad zur Villa Baviera. München: A1 Verlag, 2014, ISBN 978-3-940666-56-7.

Klaus Schnellenkamp, Geboren im Schatten der Angst. Ich überlebte die Colonia Dignidad . München: Herbig, 2007, ISBN 978-3-7766-2505-9.

Julio Segador, Die frühere Colonia Dignidad in Chile Vom Folterzentrum zum Ferienparadies , Deutschlandfunk Hintergrund vom 19. Januar 2016.

Jan Stehle, Colonia Dignidad. Zum Umgang bundesdeutscher Außenpolitik und Justiz mit Menschenrechtsverletzungen 1961–2020. Bielefeld: Transcript Verlag, 2021, ISBN 978-3-8376-5871-2 ( transcript-verlag.de Open Access als PDF oder EPUB).

Efrain Vedder/ Ingo Lenz, Weg vom Leben. 36 Jahre Gefangenschaft in der deutschen Sekte Colonia Dignidad . Berlin: Ullstein, 2005, ISBN 3-550-07613-4.

Klaus H. Walter, Colonia Dignidad die unendliche Geschichte, in: Jahrbuch Menschenrechte 2007 . Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2006, ISBN 978-3-518-45817-4, S. 183–188.

Quellen

Abschlussbericht der Valech-Kommission zur Folter in Chile (spanisch), besonders S. 351 vom 24. August 2009 im Internet Archive.

Protokoll einer Anhörung des Bundestages 1988 zu Menschenrechtsverletzungen und Freiheitsberaubung: Colonia Dignidad Villa Baviera, Bundestagprotokoll Nr. 10, 22. Februar 1988, Unterausschuss für Menschenrechte.

Dokumentarfilme

2009: Deutsche Seelen Leben nach der Colonia Dignidad , von Martin Farkas und Matthias Zuber

2020: Colonia Dignidad Aus dem Innern einer deutschen Sekte , Miniserie von Annette Baumeister und Wilfried Huismann, 2×89 Min., Arte-Mediathek

Fiktion

2016: Colonia Dignidad Es gibt kein Zurück (Offizielle Webseite des Films), Spielfilm von Florian Gallenberger mit Emma Watson und Daniel Brühl

2018: La Casa Lobo , Spielfilm von Cristóbal León und Joaquín Cociña

2019: Dignity , Fernsehserie der deutschen Streamingplattform Joyn und des chilenischen Fernsehsenders Mega

2021: Un lugar llamado Dignidad , Spielfilm von Matías Rojas Valencia mit Hanns Zischler