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Die Menschenrechte symbolisieren eine der wegweisenden Ideen unserer Zeit, indem sie einen Paradigmenwechsel in der Auffassung unserer gemeinsamen Menschlichkeit begründeten. Die Revolution – die Idee unserer Zeit – bestand darin, sich vorzustellen, dass alle Menschen, ohne jegliche Diskriminierung und so unterschiedlich sie in ihrer Identität und ihren Lebensumständen auch sein mögen, das Anspruch auf die gleichen Rechte haben; dieses Ziel betrifft uns alle und macht uns folglich zu Mitgliedern derselben Menschheitsfamilie. So erkennen wir an und setzen uns dafür ein, dass andere dieselben Chancen erhalten, die wir uns wünschen und einfordern, unabhängig von ihrer Nationalität, ethnischen Zugehörigkeit, Herkunft, Religion, politischen Überzeugung, sexuellen Orientierung, Geschlechtsidentität oder jeglicher anderen sozialen Situation.
Die Menschenrechte sind nicht nur ein Ethos und ein Bekenntnis zur Gerechtigkeit, sondern sie beinhalten auch einen Rechtsrahmen, der die Staaten und ihre Regierenden verpflichtet, sie anzuerkennen und unantastbar zu machen; sie sind rechtlich bindend – ihre Anerkennung und Gewährleistung ist verpflichtend –, um so ihre wirksame Ausübung zu gewährleisten. Die Menschenrechte bilden unsere unmittelbarste Revolution und unser unmittelbarstes demokratisches bürgerliches Engagement, das sich in der Gesellschaft durch die Entscheidungen manifestiert, die wir jeden Tag in unseren Beziehungen zu anderen Menschen und in unserer Interaktion mit dem sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Umfeld überall auf unserem Planeten treffen.

Joaquín González Ibáñez und Héctor Abad bei der Preisverleihung
Die Menschenrechte ermöglichen es uns, unser Lebensprojekt zu verwirklichen und uns zu den Menschen zu entwickeln, die wir sein möchten: Sie geben uns die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie wir denken möchten, wen und wie wir lieben, welche Sprache wir sprechen, welche Religion wir ausüben, welche Ideen wir vertreten und verteidigen – ohne wegen unserer Einzigartigkeit diskriminiert oder verfolgt zu werden. All dies ermöglicht uns ein würdiges und vielfältiges Leben, denn dank dieser Freiheiten und Rechte können wir selbst entscheiden, wie wir unser Leben gestalten wollen. Die Menschenrechte bilden daher den Kern des Zusammenlebens, der auf Rechten und Pflichten beruht und den grundlegenden „Gesellschaftsvertrag“ jeder Gesellschaft darstellt, die sich als demokratisch versteht.
Bei der Förderung und Verteidigung der Menschenrechte sind alle Blickwinkel notwendig: Bekannte wie auch unbekannte Persönlichkeiten sind Teil dieses Strebens nach Recht. All diese Menschen bilden eine Kosmografie der Gerechtigkeit. Der Künstler Benoît van Innis gestaltete die Vorsatzblätter der Bücher, die zu den Buchreihen des Berg-Instituts gehören. Die Zeichnung aus Strichen und Streifen in Indigo und Weiß mit dem Titel „Kosmografie der Gerechtigkeit“ ist auf den Vorsatzblättern der Sammlung Bibliothek Literatur und Menschenrechte des Berg-Instituts abgedruckt und symbolisiert den Menschenrechtspreis des Berg-Instituts. Diese Kosmografie aus Kunst, Menschen und Menschenrechten ist ein beeindruckendes Firmament – menschlich und zeitgemäß –, denn sie wurde durch das Bewusstsein und die Entschlossenheit jener Menschen ermöglicht, die an die Möglichkeit von Gerechtigkeit durch menschliches Engagement und solidarische Verantwortung glauben.
In dieser imaginären Kosmografie erscheinen jene Menschen, die mit moralischem Mut, Vorbildcharakter und Vorstellungskraft dieses Firmament möglicher Gerechtigkeit geschaffen haben: Eleanor Roosevelt, Hansa Mehta, René Cassin, Nelson Mandela, Adelina Zendejas, Mahatma Gandhi, Concepción Arenal, Rafael Lemkin, Rigoberta Menchú, Beate und Serge Klarsfeld, Héctor Abad Gómez, Malala Yousafzai und die Tausenden anonymer Menschen, die durch ihr Handeln und ihr Vorbild entscheidende Akteure beim Aufbau eines Firmaments würdigerer, gerechterer und solidarischerer Gesellschaften waren und sind. Anderen Menschen wird es zu anderer Zeit und an anderen Orten obliegen, mit ihrer Vision und ihrer Arbeit die Konturen des Firmaments der Gerechtigkeit weiter auszudehnen.
Héctor Abad Faciolince hat es uns mit seinen literarischen Werken in dieser Zeit kolossaler Informationsüberflutung, der Schnelllebigkeit und der Orientierungslosigkeit in einem digitalen und artifiziellen Ozean ermöglicht, ihn durch sein Schaffen und sein Handeln in einem Umfeld zu begleiten, das sich als absoluter Raum darstellt: die wertvolle Zeit und Nähe, die dem Gespräch eigen ist, das aus dem Lesen und Nachdenken entsteht. Und mit seiner Erzählung hat er einen Weg der Empathie mit den Opfern eingeschlagen, der unsere Kosmografie der Gerechtigkeit bereichert hat.
Héctor Abad Faciolince hat mit dem Wort das Erbe seines von ihm verehrten Primo Levi angetreten, indem er die Erinnerung bewahrt, ein aktives kritisches Bewusstsein ausübt, Gleichgültigkeit verhindert und uns dazu auffordert, unsere bürgerlichen Pflichten wahrzunehmen, um so zu verhindern, dass die Opfer erneut vergessen und im Stich gelassen werden. Seine Erzählungen haben die Verwüstung in Erinnerung gerufen, die durch die Verweigerung der Menschenrechte, insbesondere durch tödliche Gewalt, verursacht wurde, und erinnern auch an Alessandro Manzoni, der ein fester Teil der moralischen Vorstellungskraft von Primo Levi war, insbesondere an diese Worte:
„Die Provokateure, die Unterdrücker, all jene, die in irgendeiner Weise Unrecht tun, sind nicht nur des Bösen schuldig, das sie begehen, sondern auch der Verirrung, die sie in den Seelen der Geschädigten hervorrufen.“
I provocatori, i soverchiatori, tutti coloro che, in qualunque modo fanno torto altrui, sono rei, non solo del male che commettono, ma anche del pervertimento a cui portano le anime degli offesi.
Die Liebenden , Alessandro Manzoni
Héctor Abad Faciolince hat uns durch seine literarischen Werke Opfer von Menschenrechtsverletzungen nähergebracht und es uns ermöglicht, eine innere Verbindung zu ihnen aufzubauen. Das bedeutendste und inspirierendste Beispiel dafür ist das Zeugnis der Liebe zu seinem Vater, Héctor Abad, und die Pflege einer verantwortungsvollen, der Gerechtigkeit verpflichteten Erinnerung sowie der Heilungsprozess, der durch die Wahrheit und die Liebe seiner Lieben ermöglicht wurde. Ebenso hat er uns angesichts des Angriffs auf die Ukraine die Opfer Putins nähergebracht und uns ihre Hilflosigkeit vor Augen geführt, vor allem die ermordete Dichterin Victoria Amelina, um uns zum Handeln und zum Engagement aufzurufen, damit Straflosigkeit verhindert und internationale Verbrechen in Gaza, Russland, Kolumbien, Mexiko und Nicaragua angeprangert werden – unabhängig davon, wer die Täter oder die Opfer waren.

In der BUXUS EDITION ist Héctor Abads Buch Am Ende wartet das Vergessen erschienen