„People gone mad“

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Wie man die Demokratie zerstört

Am 16. Juli war Prof. Dr. Moshe Zimmermann zu Gast im Fritz Bauer Forum. Vor einem Jahr war es am Tag des Grundgesetzes, dass er aus Israel zur Eröffnung des Bochumer Fritz Bauer Forums zugeschaltet war. Es ging um das Thema „Recht und Moral“ und das Vermächtnis Fritz Bauers. Am 16. Juli ist der Geburtstag Fritz Bauers. Diesmal stellte der israelische Historiker uns sein neues Buch vor, People gone mad.

Moshe Zimmermann, dessen Eltern 1937/38 vor den Nationalsozialisten nach Palästina flohen, wurde in Jerusalem geboren. Er ist Professor emeritus für moderne Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem, zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen u. a. Antisemitismus und Nationalismus, die deutsche Geschichte nach der Französischen Revolution. Bis 2012 leitete er das Koebner Zentrum für deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität und er war mehrfach Gastprofessor an Universitäten in Deutschland. Er ist Autor zahlreicher Bücher, 2024 erschien bei Propyläen Niemals Frieden? Israel am Scheideweg und jetzt: People gone mad Wie die Demokratie sich selbst zerstört.

Ein Protagonist spielt bei dieser Zerstörung eine besondere Rolle. Einer, der in Wirklichkeit ein Antagonist ist und für die Masse („das Volk“) steht, das in die Irre geführt zum Gegenspieler der Demokratie und ihrem stärksten Feind wird: das Nashorn.

 

Wie aus braven Bürgern Nazis werden

Auf dieses „Nashorn“ kam 1960 auch Fritz Bauer in seinem Vortrag „Die Wurzeln nationalsozialistischen und faschistischen Handelns“ zu sprechen. Anlässlich einer Tagung des Landesjugendrings Rheinland-Pfalz versuchte er zu ergründen, was Menschen dazu bringt, andere Menschen auszugrenzen, zu vertreiben, zu vernichten.

Es gebe ein Theaterstück, so Bauer, das „auf die Frage Antwort geben kann, was 1933 und später in Deutschland geschehen ist (…) das Drama ,Die Nashörner’ von Ionesco. In den ,Nashörnern’ erleben wir eine kleine, zufälligerweise französische Stadt, in der bislang das Leben so normal verlaufen ist wie in allen anderen Gegenden der Welt. Das Städtchen verwandelt sich aber schnell im Laufe des Stückes, als ob ein Virus plötzlich wirksam würde. Am Anfang erscheint ein Nashorn. Die Leute halten das zunächst für sehr absonderlich. Von Szene zu Szene werden es immer mehr Nashörner, bis am Schluss (…) die Einwohner der ganzen Stadt mit einer einzigen, zudem nicht ganz unproblematischen Ausnahme zu Nashörnern geworden sind, schreien und grölen, wie eben Nashörner brüllen. Wir erleben auf der Bühne die Entstehung einer Massenpsychose, einer Massenkrankheit.

Man hat im In- und Ausland den Eindruck gewonnen, dass Ionesco auch an die nazistische Bewegung in Deutschland gedacht hat, und einige Witzbolde hierzulande haben erklärt, das Stück habe auf deutsch einen falschen Titel. Im Wort Nashorn sei das a überflüssig. Das Stück müsste eigentlich ,Die NS-Hörner’ heißen, weil es darum geht, wie aus braven Bürgern Nazis wurden.“

Um dieses Phänomen, wie brave Bürgerinnen und Bürger, wie „das Volk“ vernashörnert, ging es Fritz Bauer in den NS-Prozessen und darum geht es Moshe Zimmermann heute. Damit selbstverständlich auch um die Frage nach der „persönlichen Verantwortung in der Diktatur“, wie sie die Philosophin Hannah Arendt nach dem Holocaust gestellt hat.

Im letzten Kapitel seines neuen Buches, „post mortem“ betitelt, schreibt Moshe Zimmermann, diese Frage habe nichts von ihrer Dringlichkeit verloren.

Israel als Blaupause für die Zerstörung von Demokratien

Für den Historiker ist die Zerstörung der Demokratie in Israel eine Blaupause für fast alles, was in der nächsten Zeit in Deutschland und manch anderem Staat Europas auf uns zukommt. Den autoritären Wandel, den Israel seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 erlebte, beschreibt er als beispielhaft für die anti-demokratische und anti-freiheitliche Bewegung innerhalb der westlichen Demokratien. Gespeist von wachsendem Nationalismus (in Israel von dem Traum von Groß-Israel), wird der Wendepunkt des Jahres 1989/90, als die freiheitliche Demokratie sich durchgesetzt hat, zum völlig unterschätzten Ausgangspunkt der Formierung ihrer Gegner und Feinde.

Das viel beschworene Ende der Geschichte (Francis Fukuyama) war eine Illusion, so Zimmermann. Von diesem Zeitpunkt an zeigte sich, folgt man seiner Chronologie der Zerstörungen, wie wenig die westlichen Demokratien gegenüber einem sich organisierenden Feind gewappnet sind.

Was mindestens ebenso erstaunlich ist wie die Tatsache, dass offenbar die Wenigsten sich vorgestellt haben, dass es diese Gegner von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit weiterhin gibt. Vor dem Hintergrund der deutschen NS-Vergangenheit und der Anfeindung der Demokratie in unserer Gegenwart fällt das erkennbar fehlende Geschichtsbewusstsein besonders ins Gewicht. Zunutze macht sich dies die Partei AfD, die von den Verbrechen der NS-Diktatur bloß als „Vogelschiss“ (A. Gauland) in einer langdauernden deutschen Erfolgsgeschichte spricht. Parallel dazu zielt die rechtsextreme Partei darauf ab , die demokratischen Institutionen in Deutschland auszuhöhlen, Minderheitenrechte zu beschneiden und das Vertrauen in demokratische Prozesse dauerhaft zu zerstören. „People gone mad“…