Eine Spieleempfehlung für „The Darkest Files“

Inhaltsverzeichnis

Autor/Autorin

Portrait
Lena Vogel
Projektverwaltung

POV Team Fritz Bauer

Es ist ein grauer Herbsttag. Der Regen prasselt stetig an die Hausfassade. Ein schwacher Lichtstrahl scheint in das düstere Büro. Ich sitze vor Fritz Bauer, der mich mit rauer Stimme vor qualmenden Aschenbecher an seinem Schreibtisch fragt, ob ich für die Aufgabe gewappnet sei, Nazi-Kriegsverbrechen aufzuklären. Das ist zum Glück keine Erinnerung an mein Vorstellungsgespräch, sondern eine Szene aus dem Computerspiel „The Darkest Files“ vom deutschen Entwicklerstudio Paintbucket Games, welches in diesem Jahr den Deutschen Computerspielpreis in den Kategorien bestes Deutsches Spiel und bestes serious Game gewonnen hat.

Paintbucket Games

True Crime interaktiv

Das Spiel lässt uns in die Rolle der frisch gebackenen Staatsanwältin Eva Katz an ihrem ersten Tag im neuen Job im Team von Fritz Bauer schlüpfen. Und so werden wir selbst Teil der Geschichte und können nachempfinden, wie es war, in der westdeutschen Nachkriegszeit NS-Verbrechen vor Gericht zu bringen und zwar sowohl erfolgreich als auch erfolglos. Denn in „The Darkest Files“ müssen wir selbst ermitteln. Dafür wühlen wir uns durch Archivakten, entschlüsseln Vermerke und vernehmen Zeug*innen. Diese Vernehmungen sind besonders spannend, da wir hier durch die Erinnerungen der Personen gehen und Hinweise verknüpfen. Zeitzeug*innenschaft im wahrsten Sinne des Wortes! Und man muss wirklich gut die Dokumente lesen und entsprechende Paragrafen markieren, sonst scheitert man in der Gerichtsverhandlung und die Täter*innen werden freigesprochen. Ein durchaus realistisches Bild.

Auch ansonsten wird der Zeitgeist eines Büroalltags der Nachkriegszeit atmosphärisch wiedergegeben. Fast alle rauchen und in der Kaffeeküche stapelt sich das schmutzige Geschirr. Über das tagesaktuelle Geschehen informieren Zeitungsartikel. Des Weiteren wird man häufig als weibliche Staatsanwältin mit Sexismus konfrontiert. Auch, dass die Arbeit von Fritz Bauer und seinem Team sehr kritisch beobachtet wird, wird deutlich. Ab einem gewissen Zeitpunkt bekommt man Drohbriefe zugeschickt und erfährt im Austausch mit den Kolleg*innen, dass dies nicht ungewöhnlich sei. Doch im Mikrokosmos Büro ist auch Platz für Klatsch und Tratsch. Dies macht die Charaktere vielschichtig. So deutet ein Kollege beispielsweise an, mal für das NS-Regime gearbeitet zu haben. Auch die Zeug*innen verhalten sich sehr unterschiedlich und sind mal mehr, mal weniger bereit, zu den Ermittlungen beizutragen. Fritz Bauer wird als unnahbarer Vorgesetzter erzählt, oft ist sein Büro abgeschlossen oder er ist telefonisch nicht erreichbar. Zwischendurch ist er „wegen einer Angelegenheit in Argentinien“ abwesend, ein deutlicher Hinweis auf seine Ermittlungen im Fall Adolf Eichmann.

Paintbucket Games

Gaming als moderne interaktive Form der Erinnerungskultur

Das Besondere an den Spielen von Paintbucket ist, dass das eigene Handeln im Spiel den Verlauf beeinflusst. Das ist in „The Darkest Files“ noch ausgeprägter als im Vorgängerspiel „Through the Darkest of Times“, in welchem man Teil einer Widerstandszelle während des Zweiten Weltkriegs ist. Dies wird vor allem in der Gerichtsverhandlung deutlich, denn hier muss man alle gesammelten Beweise schlüssig verknüpft parat haben und im richtigen Moment präsentieren, sonst verliert man den Fall und die Täter*innen werden aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Das ist besonders frustrierend, wenn man weiß, dass die beiden bisher zu spielenden Fälle auf realen Verbrechen basieren. Und das ist es unter anderem, was das Spiel so gut und immersiv macht.

Es schafft eine direkte Begegnung mit Zeitzeug*innen, ihren Persönlichkeiten und ihren Geschichten. Die Interaktion wirkt durch die Auswahlmöglichkeiten an Aussagen und Fragen plausibel. Objekte sind häufig Anhaltspunkte für Beweise, hinter denen immer ein Teil der Geschichte steckt und damit auratisch kontextualisiert. So sind beispielsweise die nachgebildeten Akten teilweise geschwärzt oder haben Brandspuren. Die POV-Perspektive sorgt dafür, dass wir uns mitten im Geschehen wiederfinden. Kleine Details, wie die Bürokatze Marlene werten das Spielerlebnis zusätzlich auf. Der dunkle Film-Noir-Comicstil passt zur Crime-Ästhetik und verhindert ein Abdriften ins cyborghafte uncanny valley. Man bekommt große Lust, sich mit der wahren Geschichte Fritz Bauers, seinen Mitarbeitenden und seinen Fällen zu beschäftigen. Damit leistet „The Darkest Files“ nicht nur einen wichtigen Beitrag in der digitalen Erinnerungskultur, sondern bietet auch einen guten Zugang zum Thema Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte ein Thema, welches nie an Relevanz verliert. Und es lohnt sich, bis zum Ende dranzubleiben, denn im Epilog versteckt sich noch ein kleiner Twist..

„The Darkest Files“ ist erhältlich für PC, MAC und die Nintendo Switch. Ein neuer Zusatzinhalt mit dem Titel „Battalion“ ist bereits angekündigt. Hier [1] findet sich Material für den Einsatz des Spiels im Schulunterricht. Mehr über Fritz Bauer und seine Arbeit sowie weitere Geschichten des Widerstandes gibt’s bei uns im Forum oder in der interaktiven Bibliothek.